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Was für ein faszinierendes Chaos. Trotz Hupverbotsschilder, oder gerade deshalb, übertönte das Hupen der Autofahrer sogar die allgegenwärtige orientalische Musik. Oft nervig leiernde alte Kassetten. Und meistens kitschig exotisch. Aber ich sollte mich daran gewöhnen. Wir kauften uns eine Türkei-Karte und gingen zur Bank. Der Erlös aus dem Verkauf meiner Hinterlassenschaft war noch nicht eingetroffen. Wir hatten aber keine Lust in Istanbul auf das Geld zu warten. Nur raus aus diesem Chaos! Auch daran sollte ich mich gewöhnen. Wir kauften ein Ticket nach Sile.
Es war eine wunderschöne Fahrt entlang des Bosporus bis zum 'Karadeniz', wie die Türken das 'Schwarze Meer' nannten. Nur ein paar Busstunden von dem Moloch entfernt. Jörg wirkte etwas genervt. Er wäre lieber direkt weitergefahren. Aber ich hatte meine Freunde gebeten, mir das Geld in die Türkei zu überweisen. Teheran oder Kabul waren mir für Bankgeschäfte zu riskant.
Was für eine beruhigende Idylle. Wir suchten uns eine billige Pension. Ich genoss den Meerblick von unserem Balkon aus. Aber Jörg rannte direkt los zum Strand und freundete sich dort mit einem deutschen Paar an (Klaus und Susanne), die in einem Wohnmobil unterwegs nach Indien waren. Sie waren mir bei unserer ersten Begegnung direkt suspekt. Ich dagegen lernte einen jungen Türken, namens Mehmet kennen. Er stand kurz vor der Eröffnung seiner Discothek. Mit wenig Geld und viel Arbeit hatte er auf einer Klippe seinen Traum verwirklicht. Die Tische bestanden aus alten Autoreifen und Glasplatten. Um die Lizenz zu bekommen, musste er seinen Schnauzer abrasieren. Reine Schikane vom Ordnungshüter und eine Schmach für einen konservativen Türken. Aber Mehmet war ein Freak und konnte damit leben. Überhaupt schien Sile ein Treffpunkt für westliche Freaks geworden zu sein, auch als Pause auf einer langen Reise.
Ich verbrachte die Tage mit meinem neuen Freund und half Ihm bei der Verschönerung seiner Disco. Aber man musste wirklich nicht viel machen, denn der klare Sternenhimmel war schon eine verzaubernde Kulisse. Wunderschöne Sonnenauf- und Sonnenuntergänge. Ich beriet ihn bei der Musik und half bei den Eröffnungsplakaten:
"Welcome to the LOVER'S DISCO.
A place for friends. A place to be.
Best music in town".
Ich lieh Ihm sogar Geld für die Getränke. Währenddessen verbrachte Jörg seine Zeit mit Klaus und Susanne am Strand. Wir sahen uns immer seltener. Am Eröffnungsabend gingen sie gemeinsam zur etablierten 'Sile-Disco', nicht zu uns.
Am nächsten Tag traf ich drei deutsche Jungs. Einer von Ihnen war Bernd, ein Freund von meinem Lieferanten in Süddeutschland. War das ein Zufall? Mit der Zeit sollte ich das anders interpretieren - Karmische Connections!
Abends traf ich mich mit Bernd und seinen Freunden und Jörg. Zu fünft durchstreiften wir Sile und die Umgebung. Bernd hatte eine Überraschung angekündigt!
"Ich hab ein paar Gramm 'Magic Mushrooms' Psylocibin dabei. Habt Ihr Lust?"
"Aber klar doch, einen besseren Moment kann es für mich nicht geben. Ihr Drei fahrt nach Deutschland zurück. Du Jörg wirst mich vielleicht noch ein Stück des Weges begleiten, kannst aber jederzeit zurückkehren."
"Also ich weiß nicht so recht.", antwortete Jörg.
Für Michael und Tom war es eine klare Sache.
"Also hier sind drei Gramm."
"Ich will nur ein bisschen.", sagte Jörg, der im Grunde gar nichts wollte.
"Na gut. Es war für uns Drei gedacht. Chris Du, als Ehrengast, bekommst ein Drittel. Jörg, soviel Du möchtest. Und den Rest teilen wir uns."
Ich fühlte mich sehr geehrt und geliebt.
Wir suchten nach einer passenden Stelle, von wo man unser kleines Feuer nicht sehen konnte.
Knisternde Feuerfunken ließen uns unter der Sternenkuppel strahlen und musizierten für uns.
Jörg nahm doch etwas mehr, als ich erwartet hatte.
In dieser urigen Landschaft fühlte ich mich in die Steinzeit versetzt. Steine erzählten ihre Geschichte. Bäume streichelten mich und Blumen schenkten mir ihren Duft. Ameisen, die auf meinen Willen hin fast ihre Richtung geändert hätten. Ich war eins mit der Schöpfung. Der Wind berührte mich ... ich war dem Wind ausgesetzt ... ich war wie ein Blatt im Wind ... ich war der Wind!
Ich lag auf einem Moos-Bett und genoss es.
"Chris, geht's Dir gut?", fragte Bernd.
"Es ist schön. Der Wind spielt mit mir, und das Meer ruft mich."
"Chris, geht's Dir wirklich gut?"
"Ich fühle mich wie neu geboren und will zum Meer. Es ruft mich!"
"Weißt Du, warum das 'schwarze Meer' schwarz genannt wird?"
"Ja ich weiß."
Das Wetter war hier unberechenbar. Nach einem wunderschönen Sonnenuntergang konnte es urplötzlich zu einem Sturm kommen, und man musste sich in Sicherheit bringen. Viele Leute waren hier schon ertrunken ...
"Ich will schwimmen gehen!"
Um zum Meer zu kommen, mussten wir durch das schlafende Sile gehen. Ein lockender Duft empfing uns. Der Bäcker war gerade am Werke. Wir warteten ungeduldig auf das erste 'Ekmek'. Was für ein Genuss! Der Bäcker schaute verwirrt auf sein Brot. Hab ich heute was Besonderes gemacht, schien er sich zu fragen.
Wir gingen durch die erwachende Stadt zum Strand.
Kaum angekommen, entledigte ich mich meiner Kleider. Allein Bernd folgte mir. Er traute sich nur ein bisschen in die Fluten. Ich aber wollte weiter hinaus ... immer weiter hinaus ...
"Chris! Komm zurück!", riefen alle im Chor.
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JoeMono
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Sea of Love
Digitales Bild von Mimulux
Ich fühle mich wie ein Embryo im Fruchtwasser. Es ist so schön. Ich bin so geschützt. Es kann doch gar nichts passieren."
Ich schwamm zurück, obwohl ich lieber in der Fruchtblase geblieben wäre.
Bernd schloss mich in seine Arme.
"Ich habe Dich verstanden. Jetzt bist Du gerüstet für Dein Abenteuer."
Jörg aber sah mich verwirrt und ängstlich an.
Es wurde klar, dass sich unsere Wege trennen würden. Er hatte mich nicht verstanden. Bernd und seine Freunde fuhren nach Hause, und Jörg fuhr mit seinen falschen Freunden weiter. Ich fuhr nach Istanbul. Das Geld war angekommen.
15 Jahre später traf ich Jörg 'zufällig' in einem Baumarkt in Köln. Er kam gerade aus Neuseeland, wo er seit 10 Jahren mit dort gegründeter Familie als Imker lebte, um eine Bienenkönigin zu verkaufen. Aber seine Königin passte nicht in das hiesige Ambiente. Ich hatte in den 3 Tagen seines Aufenthalts meinen 40sten Geburtstag. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, dass ihn Susanne und Klaus in Anatolien beklaut hatten.
Jörg hatte mich verlassen. Ganz allein in Istanbul, einer Stadt die niemals schläft. Auch ich konnte nicht einschlafen. Ich trank eine halbe Flasche Raki und hatte einen seltsamen Traum:
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Mimulux
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"Die Erleuchtung"
Gemälde von Iron Irene - Acryl auf Papier
Ich schien seit Ewigkeiten in einer Art Gefängnis zu sitzen. Oder war ich ein Yogi im Himalaya? War ich gefangen? Oder hatte ich mich nur zurückgezogen, um totale Freiheit zu erlangen?
Es hatte etwas Bedrohliches, machte mir aber keine Angst.
Ich hatte die Freiheit, in meine Heimat zu fahren verloren. Diese Tür war verschlossen. Oder zurück hinter verschlossene Türen. Aber alle Anderen standen mir offen oder öffneten sich erst dadurch!
Jetzt ahnte ich, dass ich ein Priviligierter war. So eine Situatuion sucht man sich nicht aus. Ich werde außergewöhnliche Erfahrungen machen. Zurückblickend sage ich heute:
"Das war das Beste, was mir passieren konnte!"
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Iron Irene
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Am nächsten Morgen gönnte ich mir ein süßes Frühstück im ‚Pudding-Shop’ mit Blick auf die ‚Sultan Ahmed’.
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Sultan Ahmed
Foto von Peter Engelhardt
Hier traf man Morgenlandfahrer aus aller Welt. Der erste Treffpunkt auf einer langen Reise. Ich hörte Geschichten von den Vollmoon-Partys in Goa und Lobpreisungen über das Dope in Manali. Es kam eine Gruppe von Holländern, Engländern und Deutschen herein. Sie waren mit dem ‚Magic Bus’ von Amsterdam bis Kathmandu unterwegs, und suchten verzweifelt nach Shit. Das ist in Anatolien ziemlich einfach. Aber hier in Istanbul schwierig und gefährlich. Ich hatte noch ein kleines Stück in der Hosentasche. Ein Abschiedsgeschenk von Bernd. Voller Vorfreude durchstreifte ich diese riesige Stadt und kaufte mir ein Bus-Ticket nach Teheran. Ich gönnte mir eine Bootsfahrt auf dem Bosporus und verabschiedete mich von Europa.
Ich erwischte einen nagelneuen Mercedes-Bus mit einem Fahrer in der Uniform eines Flugkapitäns, und genoss eine angenehme Fahrt. Immer wieder wurde Erfrischungs-Parfüm herumgereicht und Teepausen eingelegt. Wir fuhren durch Anatolien, oder besser gesagt, das wilde Kurdistan. Dazu gehören auch der Süden Irans und der Norden Syriens und Iraks. Am Van-See entlang und vorbei am Berg Ararat, wo die "Arche Noah" gestrandet sein soll. Landschaft und Leute wurden immer wilder, und manchmal etwas feindselig.
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Peter Engelhardt
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